Giraffensprache und Wolfssprache - sollten Sie unbedingt kennen lernen.

Lesen Sie nachfolgendes Teilexzerpt des Büchleins von

Marshall B. Rosenberg: Kinder einfühlend unterrichten. Wie SchülerInnen und LehrerInnen durch gegenseitiges Verständnis Erfolg haben können. Gewaltfreie Kommunikation: Die Ideen & ihre Anwendung. Junfermann, 2003.

Mit den beiden nach dem Teilexzerpt noch angegebenen beiden Literaturhinweisen können Sie sich selbst und Ihren Schülerinnen und Schülern diesbezüglich sehr voran bringen.

 

Teilexzerpt aus Rosenbergs Buch

Aus dem Kapitel „Die Sprache des Herzens“

Vorbemerkung

Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich um einen Auszug aus ei­nem grundlegenden Referat, das Marshall Rosenberg 1999 anlässlich der nationalen Konferenz der Montessori- Erzieher und - Erzieherinnen in San Diego, Kalifornien gehalten hat. Darin beschreibt er die wesentlichen Be­standteile der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Er veranschaulicht, wie die Gewaltfreie Kommunikation in der Schule, am Arbeitsplatz und in Alltagssituationen angewendet werden kann. Insbesondere beschreibt Marshall die "Giraffen-"und "Wolfssprache", das Vokabular der Gefühle und Bedürfnisse, den Unterschied zwischen Beobachtungen und Bewer­tungen und zwischen Bitten und Forderungen. Außerdem geht er darauf ein, welche Rolle Macht, Bestrafung und die lebenswichtige Fähigkeit, sich empathisch verbinden zu können, haben.

In vielen Ländern ist Gewaltfreie Kommunikation weithin unter dem Namen "Giraffensprache" bekannt. Marshall wählte die Giraffe, das Landtier mit dem größten Herzen, als ein Symbol für die Gewaltfreie Kommunikation. Es handelt sich um eine Sprache, die Mitgefühl und freudvolle Beziehungen in allen Bereichen des Lebens hervorruft. Als eine Sprache, die das Ausdrücken von Gefühlen und Bedürfnissen betont, for­dert GFK uns auf, Verletzlichkeit zu zeigen und transformiert sie in Stärke.

Oftmals benutzt Marshall eine Wolfs-Handpuppe, um den Teil in uns zu veranschaulichen, der auf eine Art und Weise denkt, spricht oder han­delt, die uns von unserer Bewusstheit für unsere eigenen Gefühle und Be­dürfnisse abkoppelt, genauso wie von den Gefühlen und Bedürfnissen an­derer. "Wolfssprache" macht es für einen Menschen, der diese Sprache spricht, sehr schwer, die Verbindungen zu anderen aufzubauen, die er sich wünscht. Dadurch wird sein Leben um vieles ärmer, als es andernfalls sein könnte. Die Anwendung von GFK bedeutet, "Wölfe" zuerkennen und sich ihrer anzunehmen. Dazu werden deren nicht gerade lebensberei­chernde Gedanken und Gewohnheiten einfühlsam und frei von morali­schen Beurteilungen aufgenommen. Gleichzeitig durchlaufen wir eine Umschulung, die uns das Leben in wachsendem Maße auf immer aufregendere und spannendere Weise erleben lässt. (S. 7/8)

 Aus dem Unterkapitel „Wölfe und Giraffen“

Während ich Menschen studiert habe, die diese Fähigkeit besitzen, habe ich bemerkt, dass sie eine andere Sprache sprechen als die, die ich zu spre­chen gelernt habe. Diese Sprache, die dazu beiträgt, Menschen zu helfen, durch den Bezug zum Leben zu lernen, nenne ich offiziell "Gewaltfreie Kommunikation". Aber zur Erheiterung und für Unterrichtszwecke be­zeichne ich sie gerne als "Giraffensprache".

Unglücklicherweise ist Giraffensprache nicht die Sprache, mit der ich groß geworden bin. Ich habe keine Montessori-Schulen besucht. Ich ging in "Wolfsschulen ". In Wolfsschulen sprechen die Lehrer, wie Sie sich viel­leicht vorstellen können, die Wolfssprache und nicht die Giraffensprache. Ich hoffe, dass niemand von Ihnen jemals diese Wolfssprache gehört hat. Ich wünschte, sie wäre per Gesetz in allen Schulen dieser Welt verboten, aber die Lehrer in den Schulen, die ich besuchte, sprachen "wölfisch".

Ich möchte Ihnen gerne einen Eindruck davon vermitteln, wie sich ein "wölfisch" sprechender Lehrer anhört. Stellen Sie sich vor, Sie seien meine Schüler und Schülerinnen und ich sei Ihr Lehrer. Nun passiert es, dass ich einen von Ihnen dabei beobachte, wie er etwas tut, was nicht mit meinen Werten in Einklang steht. Ich sehe, dass Sie an Ihrem Platz sitzen. Anstatt zu tun, worum ich die Klasse gebeten habe, zeichnen Sie ein Bild von mir mit einem Messer im Rücken und einer Wunde, aus der das Blut nur so spritzt.

Nun, wie würde ich dieses Verhalten beurteilen, wenn ich ein "wöl­fisch"-sprechender Lehrer wäre? Es ist ja offensichtlich: „Sie sind emotio­nal gestört“. "Wölfisch" -sprechende Menschen wurden darauf trainiert, so zu denken. Wenn es zu einem Konflikt kommt, dann denken sie über die andere Person, deren Verhalten gerade mit ihren Werten in Konflikt steht, in Begriffen wie: „Was ist mit der anderen Person nicht in Ordnung?"

Oder nehmen wir den Fall, dass Sie etwas von dem, was ich hier sage, nicht verstehen. „Dann sind Sie schwer von Begriff!“ Was aber ist, wenn Sie etwas, sagen, was ich nicht verstehe?“ „ Sie sind unhöflich und sozial nicht angepasst.“ (S. 9/10)

Aus dem Unterkapitel „Beobachten statt Bewerten“

Nun gut, lassen Sie mich Ihnen jetzt zeigen, wie diese Sprache aussieht. Ich möchte Siedeshalb nun bitten, sie an jemanden zu erinnern, der sich momentan auf eine Art verhält, die das Leben nicht gerade besonders schön für Sie macht. Das könnte zum Beispiel jemand in der Schule sein. Es könnte jemand bei Ihnen zu Hause sein. Es könnte ein Kind, ein Schüler oder eine Schülerin sein, es könne Ihr eigenes Kind sein, ein Elternteil oder ein anderer Lehrer oder eine Lehrerin. Oder vielleicht leben Sie auch zu Hause mit einem in Wolfssprache kommunizierenden Kind, das schreckliche Wolfsaussagen von sich gibt, wie: "NEIN!" Oder viel­leicht werden Sie von Zeit zu Zeit von Eltern oder anderen Lehrern ange­sprochen, die sagen: "Das Problem mit Ihnen ist, dass Sie zu ... sind." (fül­len Sie diese Leerstellen bitte selbst aus!)

Denken Sie also an eine reale Situation. Ich würde Sie dann bitten, die Antwort zu dieser Frage aufzuschreiben: Was ist ganz genau die Hand­lung, die diese Person ausführt und die dazu führt, dass Sie Ihr Dasein we­niger befriedigend erleben?

 Ich habe diese Frage einmal an das Kollegium einer Schule in San Fran­cisco gerichtet. Der oberste Schulrat hatte mich beauftragt, mit dem Kol­legium zu arbeiten, weil es ständig zu Konflikten zwischen dem Kollegium und dem Direktor der Schule kam. Ich machte mich an diese Aufgabe, in­dem ich mich zuerst mit den Lehrern und Lehrerinnen traf, um herauszu­finden, was da los war. Anschließend wollte ich die Lehrer und Lehrerin­nen mit dem Direktor zusammenbringen, um festzustellen, ob wir das Le­ben nicht für alle freudvoller gestalten könnten.

Ich habe also den Lehrern und Lehrerinnen dieselbe Frage gestellt, die ich gerade eben Ihnen gestellt habe: Nennen Sie mir eine Sache, die Ihr Vorgesetzter gemacht hat, so dass Sie die Zusammenarbeit mit ihm nicht wie das Paradies auf Erden erleben. Und hier ist die erste Antwort, die ich erhielt. Einer von ihnen sagte: "Er hat eine große Klappe."

Sie können den Unterschied zwischen der Frage, die ich gestellt habe, und der Antwort, die ich erhielt, erkennen. Ich fragte nach einer Beobach­tung, einem ganz spezifischen Verhalten, und erhielt eine Bewertung zur Antwort. Das ist typisch für Wolfssprache. Die Menschen, die diese Spra­che sprechen, haben Mühe, Beobachtungen von Beurteilungen zu unter­scheiden.

Also habe ich diesen Herrn darauf aufmerksam gemacht, dass seine Aussage keine Antwort auf meine Frage war. Ich hatte nach einer Beob­achtung gefragt, und er war blockiert. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er etwas sagen sollte, ohne eine Beurteilung mit hineinzumischen. Die ne­ben ihm sitzende Kollegin versuchte ihm zu helfen. Sie sagte: ,,Also, ich weiß, wovon er spricht." „Was ist es?" fragte ich. "Der Direktor redet zu viel."

Also, das Wort "zu" ist ein Lieblingswort in der Wolfssprache. Es zeigt, wie Wolfsmenschen denken, wie ihr Verstand geformt worden ist, die Welt um sie herum wahrzunehmen. In ihrer Welt gibt es ein "genau rich­tig", ein "zu viel" und ein "zu klein" für alles. Und das ist es, was diese Menschen gefährlich macht: Sie denken, dass sie wissen, was richtig ist.

Also habe ich noch einmal klargestellt, dass "zu viel" eine Bewertung dar­stellt und habe noch einmal nach einer Beobachtung gefragt. Ein anderer Lehrer sagte: "Er denkt, dass nur er etwas Substanzielles zu sagen hat." „Nein", sagte ich, „wenn Sie Ihre Gedanken darüber mitteilen, was er denkt, ist das eine Mutmaßung, also eine Beurteilung. Ich frage nach einer Beobachtung."

Nun schwieg diese ganze Belegschaft gut ausgebildeter Leute. Sie konn­ten die Frage nicht beantworten. Und dann sagte eine Frau: „Junge, Junge, Marshall, das ist wirklich schwer zu beantworten." Ich sagte: „Ja, ganz be­sonders, wenn Ihnen beigebracht wurde, Wolfssprache zu sprechen, so wie es mir selbst beigebracht worden ist. Dann ist es sehr schwer, Beobach­tungen und Beurteilungen zu trennen."

In der Tat: Der indische Philosoph Krishnamurti sagt, dass die höchste Form menschlicher Intelligenz in der Fähigkeit besteht, zu beobachten, ohne zu werten. Mit viel Hilfe von meiner Seite war das Kollegium schließlich in der Lage, eine klare Beobachtung zu formulieren. Nun, wel­che war das? Es gab mehrere Beobachtungen, aber diejenige, die sie am meisten aufbrachte, war diese: Während ihrer wöchentlichen Kollegiums­sitzungen erzählte der Direktor regelmäßig von seinen Kriegserlebnissen und Kindheitserfahrungen, anstatt sich an die Tagesordnung zu halten. Das Ergebnis dieser Erzählungen war, dass die Sitzungen im Schnitt zwan­zig Minuten länger dauerten als vorgesehen.

Und so fragte ich das Kollegium: „Hat einer von Ihnen das schon ein­mal so angesprochen?" Und sie sagten: „Wir hatten immer Angst vor dem Versuch, darüber zu sprechen, weil wir sicher eine Menge von Verurtei­lungen in unsere Worte hineinmischen würden und er dann in die Defen­sive gedrängt würde." Sie fanden es eine gute Idee, jetzt mit ihm über die­ses Thema zu sprechen, aber sie fragten mich, ob ich an der Sitzung teil­nehmen könne - für alle Fälle. Und so wie sie sich entwickelte, war ich sehr froh, dass ich bei der Sitzung dabei war. Kaum hatte die Kollegiumssit­zung begonnen, sah ich genau, was sie gemeint hatten. Egal welches The­ma angeschnitten wurde, der Direktor sagte postwendend: „Das erinnert mich an eine Zeit ... " Ich wartete darauf, dass jemand auf dieses Verhalten zu sprechen kommen würde, um zu klarzustellen, dass sie es nicht leiden konnten. Aber anstatt giraffisch zu sprechen, sah ich jede Menge nonverbaler Wolfssprache. Zum Beispiel rollten sie mit den Augen oder hielten ihre Armbanduhren ans Ohr. Das waren elektronische Uhren - ich weiß also nicht, was das sollte.

Schließlich sagte ich: „Möchte nicht jemand etwas sagen?" Und dann lief der Mann, der in unserem ersten Gespräch den ersten Versuch gewagt hatte, rot an und raffte seinen gesamten Mut zusammen. Er schaute seinen Direktor an und sagte: „Ed, du hast ein großes Mundwerk." So viel über meine Fähigkeiten als Lehrer! (Seiten 15 – 18)

Aus dem Unterkapitel „Über >Macht mit<“

 Ich will damit nicht sagen, dass die Gewaltfreie Kommunikation von uns verlangt, vollkommen objektiv zu sein und jegliche Bewertung zu vermei­den, ganz und gar nicht. Der nächste Schritt schließt nämlich Bewertun­gen mit ein. Wir werden das Verhalten anderer bewerten. Aber wir werden dies auf eine Art tun, die uns die größte "Macht mit " Menschen vermittelt, nicht Macht über sie. Sie werden sehen, dass Gewaltfreie Kommunikation auf einem Konzept von Macht basiert, einer "Macht mit“ Menschen. Wir möchten, dass Menschen Dinge tun, weil sie erkennen, wie ihr Handeln das Leben bereichert. Es ist "Macht mit“: wenn wir die Gelegenheit haben, Menschen aus ihrem Inneren heraus zu motivieren. Im Gegensatz dazu bedeutet "Gewalt über": Wir bringen Menschen dazu, etwas zu tun, weil sie sich vor dem fürchten, was wir ihnen antun, wenn sie unseren Forderungen nicht Folge leisten. (Seite 19/20)

 

Und hier die beiden weiteren, praxisnahe Literaturhinweise:

 

  • Serena Rust: Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt. Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommunikation. Koha Verlag, 2010: Burgrain

Das sehr empfehlenswerte Büchlein (9,80 €) thematisiert auch Wolfsohren und Giraffenohren, unter anderem deswegen, weil die Wahl zwischen Giraffe und Wolf beim Hören leichter fällt als beim Sprechen.

Hier wird mit trefflichen Beispielen gearbeitet. Diese Beispiele helfen dem Leser selbst sehr viel weiter.

 

  • J. Kahlert / R. Sigel u.a.: Achtung und Anerkennung. Materialien zur Förderung des Sozialverhaltens in der Grundschule.

Das äußerst praxisnah ausgerichtete Buch kann kostenlos bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln bestellt werden Nach 7 Seiten Einführung werden auf 94 Seiten neun Bausteine mit Anregungen zur Förderung eines Klimas der Achtsamkeit und Anerkennung angeboten. Baustein 3 thematisiert dabei die Giraffen- und die Wolfssprache.

Der Baustein kann durchaus auch in der Hauptschule (mit geringen Veränderungen) eingesetzt werden.

 

Nach unserer Meinung könnte eine Schule auf der Suche nach einem Leitbild durchaus in Erwägung ziehen, die >Giraffensprache< ins Leitbild aufzunehmen.

 

 

 

 

 

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